Bundesverband Tattoo – leider von mir nur ein kurzes Gastspiel

Es gibt vermutlich wenige Sachen, die ich mir so gut überlegt hatte wie im Bundesverband Tattoo einen Vorstandsposten zu bekleiden. Zudem noch weniger Sachen, die trotz so gründlicher Überlegung dann nicht funktioniert haben.

Bundesverband Tattoo – Mitglied fast von Anfang an

Aber der Reihe nach. Mitglied im Bundesverband Tattoo bin ich fast von Anfang an gewesen. Ich bin über einen Flyer gestolpert, als wir mit dem Tempel München auf der Tattoo Messe von Randy Engelhard in Zwickau waren.

Die Idee der Vereinigung fand – und finde – ich gut, die damals handelnden Personen hatten sowieso mein vollstes Vertrauen. Zumindest soweit ich sie aus Facebook und Tätowiermagazin „kannte“ – denn wirklich gekannt hatte ich damals noch niemanden. Das änderte sich mit den Jahren, ich lernte immer mehr aus dem Dunstkreis des Bundesverband Tattoo persönlich kennen. Durch die Bank gute Leute.

Dementsprechend geehrt fühlte ich mich, als Mitte letzten Jahres von Seiten des BVT bei mir angefragt wurde, ob ich mir einen Posten im Vorstand vorstellen könnte. Scheinbar fanden – wohl nicht zuletzt durch unseren Kampf der Tätowierer in Bayern gegen die Corona – Beschränkungen – wohl ein paar Leute, dass ich dafür geeignet wäre.

Yep, das war eine Ehre.

Gründliche Abwägung vor der Wahl im Bundesverband Tattoo

Ich habe bei uns im Tempel München Tattoostudio, aber auch mit einigen Freunden und natürlich meiner besseren Hälfte darüber geredet. Schließlich bedeutet ein Amt auch immer jede Menge Verantwortung und Arbeit. Dass meine (Frei-)zeit dafür nicht endlos vorhanden ist, war mir klar. Gleichzeitig hatte ich aber Bock einiges zu bewegen. Zuerst einmal wollte ich die Mitgliederzahl bei den Tätowierern in München und Bayern nach oben schrauben. Ich sah mich im Texte formulieren, Beiträge schreiben, Leute anwerben… Kurzum: Allem, was den Bundesverband Tattoo weiter in die Öffentlichkeit tragen und bekannter machen würde. Denn die Tattooszene benötigt einen starken Verband.

Erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt

Gewählt wurde ich dann in die Vorstandschaft (Amt des Schatzmeisters) in Abwesenheit im November 2022. Während der Bundesverband Tattoo tagte, war ich gerade in Armenien unterwegs, das war davor schon lange gebucht. Nicht anwesend bei der Wahl und so ging es dann weiter…

Das Weihnachtsgeschäft ist traditionell der stärkste und stressigste Zeitraum des Jahres, das gilt auch für Tattoo Studios. Im Januar wieder abwesend bei der Vorstandssitzung weil der einzige „längere Urlaub“ des Jahres anstand: Neun Tage auf den Kanaren. So lang am Stück hatte ich übrigens danach bis jetzt nicht wieder frei.

Im Februar war dann klar, dass ein Umzug und Domizil-Suche ansteht. Auch wenn das überraschend schnell ging, so beschäftigte uns das dann doch von März bis mindestens Mai. In dieser Zeit wuchsen die Berge auf meinem Schreibtisch ins unermessliche, das E-Mail Postfach quoll über… und immer wieder die Vorstandssitzungen, die mit etwas anderem kollidierten.

Wenn einem Ehrenämter über den Kopf wachsen…

In der Zeit wurde mir dann immer klarer, dass ich für meine beiden Ehrenämter keine Zeit mehr haben würde. Und – auch dazu stehe ich: Ich endlich wieder ein PrivatLEBEN haben wollte, was diesen Namen auch verdient. Vor allem der Tempel hatte die letzten Jahre viel Tribut gefordert.

Ich hatte es satt, mir den Wecker auf 6:00 Uhr zu stellen um noch ein „Sechzig um sieben“ für sechzger.de schreiben zu können, von Termin zu Termin zu hetzen, hunderte Whatsapp am Tag zu bekommen und Abends um 21:00 Uhr nach Hause zu kommen und immer noch nicht mit allen Aufgaben fertig zu sein.

So teilte ich den Jungs von sechzger.de mit, dass ich „mein/unser Baby“ leider verlassen müsse. Für den Bundesverband Tattoo hatte ich noch Hoffnung und Motivation, schließlich hatte ich das Amt ja angetreten, das wollte ich auch erfüllen.

Tempel Tattoo Maspalomas – eine große Chance als endgültiger Knock-Out

Dann kam die Chance, in Gran Canaria ein Tattoostudio zu eröffnen. Genau an dem Ort, der mir ein Jahr davor im Lockdown so viel Kraft gegeben hatte. Genauer gesagt: Auch der Ort, von wo aus wir viel Aktionen geplant und koordiniert hatten.

Dass man ein Studio in mehr als 3000 Kilometer Entfernung in einem anderen Land nicht so nebenbei führen kann, versteht sich von selbst. Jetzt habe ich zwar das große Glück, den Tempel München zusammen mit meinem Bruder Thomas zu führen, aber es ist bei einem Tattoo- und Piercing- Studio in dieser Größenordnung immer noch sehr viel Arbeit. Mehr Arbeit, als sich die meisten Menschen vorstellen können.

Dass der Tempel Maspalomas eine große Chance ist, im Winter im warmen zu arbeiten und zu leben, ist die eine Sache. Dass da auch jede Menge Arbeit dran hängt ist die andere Sache. Damit war endgültig klar, dass für den Bundesverband Tattoo leider keine Zeit (mehr) sein würde. Das „mehr“ habe ich in Klammern geschrieben, weil diese Zeit eigentlich nie vorhanden war.

Das hatte ich leider falsch eingeschätzt bzw. haben sich einige Sachen ganz anders als erwartet entwickelt.

Schweren Herzens schrieb ich an die Vorstandskollegen meinen Rücktritt.

Dem Bundesverband Tattoo wünsche ich von ganzem Herzen nur das Beste. Die Tattooszene braucht einen starken Verband. Beim BVT sitzen – jetzt – die richtigen Leute auf den richtigen Posten um das zu bewirken. Viel Erfolg bei allen anstehenden Aufgaben.

Dass man auch ein “scheitern” oder eine “gewonnene Selbsterkenntnis” nicht einfach unter den Tisch fallen lässt, versteht sich von selbst. Zumindest für mich.

Stephan Tempel