Migränepiercing und Shen-Men-Piercing – was ist das eigentlich?

Die Theorie von Migränepiercing und Shen-Men-Piercing klingt ebenso verblüffend einfach wie naheliegend:

Viele Beschwerden können mit Akupunktur behandelt werden. Dazu zählen unter anderem Migräne, Allergien, chronische Gelenkschmerzen und viele andere. Aber auch gegen Angststörungen wächst das entsprechende Angebot. Stimulieren wir also einen Akupunkturpunkt dauerhaft mit einem Piercing anstatt – wie seit 2200 Jahren in der TCM üblich! – die Nadeln wieder zu entfernen, lösen wir das Problem wohl dauerhaft. 

Soweit zur Theorie. Aber funktioniert das auch in der Praxis? Und was sagen Fachleute dazu? Und warum sträubt sich der Tempel München so sehr dagegen, dieses Piercing in seine  Angebotspalette aufzunehmen? Unter den Piercingarten kommt das Migränepiercing ja nicht besonders gut weg.

Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. rät ausdrücklich davon ab!

In einem 2019 veröffentlichten Statement äußert sich die DMKG e.V. wie folgt:

“Das Verfahren beruht auf keiner nachvollziehbaren pathophysiologischen Grundlage. Zwar kündigen Protagonisten eine klinische Studie an, die in Zusammenarbeit mit einem Arzt durchgeführt werden soll. Bislang wurden jedoch keine Studien in einer Studiendatenbank registriert oder zu diesem Thema publiziert. (…) Es gibt bislang keinen wissenschaftlichen Beleg für die Empfehlung, dass Ohrpiercing als neues Therapieverfahren einzusetzen. (…) Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft rät daher Migräne- und Clusterpatienten von Ohrpiercings zur Behandlung dringend ab”

Dazwischen warnt die DMKG e.V. auch ein wenig drastisch vor den allgemeinen Risiken von Piercings. Im Kern jedoch ist die Botschaft deutlich: Das passt nicht zusammen!

Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur warnt vor Dauerreiz

Dr. Klaus Trinczek, Leiter des Fortbildungszentrums der deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur, hält nichts vom Daithpiercing als Migräne-Piercing. Im Gegenteil warnt er unter anderem davor, mit dem Piercing die entsprechenden Areale zu verletzen und in der Folge einen Dauerreiz  auszulösen, gegen welchen der Körper abstumpft. Im günstigsten Fall kann der Körper den Akupunkturpunkt nach der Verletzung vollständig wiederherstellen.

Mit Piercings Krankheiten heilen – das sagt das Gesetz dazu

Die eigene Arbeit an Heilversprechen zu knüpfen, ist in Deutschland in erster Linie Ärztesache. Wer ohne Arzt zu sein Heilversprechen geben möchte, ist gut damit beraten vorher das Heilpraktikergesetz (HeilprG) gründlich zu lesen. So heißt es im §1 wörtlich:

“(1) Wer die Heilkunde, ohne als Arzt bestellt zu sein, ausüben will, bedarf dazu der Erlaubnis.

(2) Ausübung der Heilkunde im Sinne dieses Gesetzes ist jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen, auch wenn sie im Dienste von anderen ausgeübt wird.

(3) Wer die Heilkunde bisher berufsmäßig ausgeübt hat und weiterhin ausüben will, erhält die Erlaubnis nach Maßgabe der Durchführungsbestimmungen; er führt die Berufsbezeichnung “Heilpraktiker”.”

Besondere Aufmerksamkeit verdient unserer Meinung nach §8 HeilprG:

“Wer, ohne zur Ausübung des ärztlichen Berufs berechtigt zu sein und ohne eine Erlaubnis nach § 1 zu besitzen, die Heilkunde ausübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.”

Heißt im Klartext:

Ein Piercer darf ohne abgeschlossenes Medizinstudium und / oder Heilpraktikerzulassung keine Piercings als Therapie gegen Krankheiten, Schmerzen oder Angststörungen anbieten! 

Die ersten Studios, welche mit Therapeutischem Piercing geworben haben, mussten die entsprechenden Links bereits wegen “Streitigkeiten mit pharmanahen Institutionen” (Zitat Ende) löschen.

Aber es soll schon vielen geholfen haben – das sagen die vielen entsprechenden Erfahrungsberichte!

Ob die entsprechenden Erfahrungsberichte zu Migränepiercing und Shen-Men-Piercing 100% echt sind ist schwer zu überprüfen. Ob die Erfolge einem Placebo-Effekt geschuldet sind und / oder von Dauer sind, ist ebenfalls nicht auszumachen. Wir freuen uns aber aufrichtig für jeden Menschen, der Linderung oder Heilung von seinen Leiden erfährt. Und das meinen wir absolut ernst.

ABER: Über die rechtliche Situation hinaus haben wir ein gewaltiges moralisches Problem damit, mit der Hoffnung chronisch kranker Menschen Geschäfte zu machen. Insbesondere, wenn es für die versprochene Wirksamkeit keinen relevanten wissenschaftlichen Beweis gibt!

Piercings als Therapie – eine immer schneller wachsende (Marketing-)Strategie?

Akupunktur gibt es schon seit ca. 2200 Jahren. Vor weniger als 10 Jahren verbreitet sich die Kunde, Piercings können Migräne heilen. Nur kurze Zeit später fingen die ersten Studios an, “Allergiepiercings” (senkrecht platzierte Helixpiercings) anzubieten. Kurz darauf machten die ersten Piercings als Therapie gegen Depressionen die Runde; Es folgten Piercings gegen Angststörungen (“Shen-Men-Piercing”, ein als Flatpiercing platziertes Helixpiercing). Allein der Umstand, dass es aktuell über 600 verschiedene anerkannte pathologische Störungen gibt – gegen die 1 (!) Piercing helfen soll, lässt uns erheblich an der Seriösität des Shenmenpiercings zweifeln. Traguspiercings helfen plötzlich bei entsprechender Platzierung angeblich gegen Übergewicht. Bestimmte Stellen und Winkel beim Forward-Helixpiercing sollen Vagina und Uterus bei Frauen stimulieren.

Auf diese rasante “Entwicklung” und die entsprechenden Auswirkungen auf die hiesige Studiolandschaft muss sich jede*r einen eigenen Reim machen. In 15 Jahren Tempel München Piercingstudio ist uns auf viele tausende gestochene Piercings kein eindeutiges Feedback zu den entsprechenden Piercings zugekommen.

Fazit

Wir im Tempel München stechen Piercings die gut aussehen und Freude machen. Und über jeden positiven Nebeneffekt freuen wir uns. Das war seit 2007 so – und bleibt auch so. :)Migränepiercing und Shen-Men-Piercing – Piercings als Therapie?