Die Zukunft des Tätowierens in Deutschland? Über den Befähigungsnachweis vom BVT und die Kampagne von „Tattoozertifikate“

Es geht um "Die Zukunft des Tätowierens in Deutschland" - so die Aussage einer Seite auf Instagram über die nächste Mitgliederversammlung des Bundesverband Tattoo

17. Mai 2026 Blog
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Geht es in einer Woche um die Zukunft des Tätowierens in Deutschland? Über den Befähigungsnachweis vom BVT und die Kampagne von „Tattoozertifikate“

Noch 12 Tage. Noch 10 Tage. Eine Instagram-Seite. Ein Countdown. Und unter diesem Countdown eine klare Message: „Es geht um nicht geringeres als die Zukunft Deines Berufsstands. Es geht um die Zukunft des Tätowierens in Deutschland.“

Das klingt für mich als Betreiber zweier großer Tattoostudios in München und somit Deutschland erst einmal bedrohlich. Außerdem natürlich interessant. Also sollten wir uns doch genauer anschauen, was mit Ablauf des Countdowns bzw. an diesem Tag geschieht.

Ist der 23. Mai 2026 der Tag, an dem über die Zukunft des Tätowierens in Deutschland entschieden wird?

In erster Linie ist es der Tag, an dem die Jahreshauptversammlung des Bundesverbandes Tattoo stattfindet. Sind diese Versammlungen üblicherweise eher unspektakulär, so gibt es diesmal einen Punkt, der für hitzige Diskussionen sorgen dürfte.

Abstimmung über die Errichtung eines Befähigungsnachweises für Tätowierer

Es soll an dem Tag von der Mitgliederversammlung darüber abgestimmt werden, ob der Befähigungsnachweis für Tätowierer eingeführt werden soll. Und eben rund um diesen Befähigungsnachweis gibt es seit Monaten heiße Diskussionen.

Konkret gibt es sogar einiges an Widerstand dagegen.

Instagram-Seite, Kampagne, eigene Homepage geben den Befähigungsnachweis für Tätowierer

Innerhalb von kürzester Zeit formierte sich Widerstand, den man auf Instagram unter der Seite @tattoozertifikate findet. Darauf verlinkt findet sich der DOT (ältester Berufsverband für Tätowierer in Deutschland), der Verein Tätowierkunst eV und das Magazin Feelfarbig.

Es gibt gute Argumente gegen den Befähigungsnachweis in dieser Form. Aber auch verdammt gute Argumente für eine stärkere Regulierung der Branche in Deutschland

Mich interessiert alles rund um das Thema Tattoo seitdem ich ein kleiner Junge bin. Ebenso finde ich das Thema „Recht“ extrem spannend, seit ich Mitte der 90er meine Ausbildung bei der Stadt gemacht habe und jahrelang das Grundgesetz, Bürgerliche Gesetzbuch und unzählige Verwaltungsvorschriften eingetrichtert bekam.

So ist das Thema mit dem Befähigungsnachweis für Tätowierer für mich doppelt spannend und ich stehe vor einem Dilemma: Ich habe höchsten Respekt vor den Branchenvertretern von beiden Seiten und ihrer zum Teil jahrzehntelanger Arbeit. Im Bundesverband Tattoo bin ich schon über ein Jahrzehnt Mitglied.

Auch bin ich der Meinung, dass beide Seiten zum Teil gute Argumente haben.

Manche Argumente finde ich allerdings ehrlich gesagt haarsträubend oder einfach falsch.

Warum steckt man eigentlich so viel Energie, um gegen etwas zu sein?

Die Frage die ich mir seit Monaten stelle: Warum steckt man so viel Energie um gegen etwas zu sein, anstatt die Energie in ein gemeinsames Projekt zu stecken um für etwas zu sein?

Denn dass eine stärkere Regulierung der Branche nicht schaden würde bzw. sogar notwendig wäre, sollte eigentlich jedem Tätowierer klar sein. Spätestens wenn er einmal mit offenen Augen durch Social Media gescrollt hat. Gravierendste Hygiene-Verstöße finde ich innerhalb weniger Minuten mehrfach.

Ist es denn wirklich sinnvoll, dass jeder in Deutschland tätowieren darf? Ohne jegliche Qualifikation?

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Wenn heute in Deutschland jemand einen Frisörsalon eröffnen möchte, dann benötigt er dafür einen Meisterbrief.

Wenn jemand ein Tattoostudio eröffnen möchte, dann benötigt er lediglich eine Gewerbeanmeldung. Wobei es in der Praxis auch niemanden interessiert, wenn jemand die Leute daheim tätowiert, keinerlei Gewerbeanmeldung oder Fähigkeiten hat und sich die Kundschaft über Instagram und Tiktok generiert.

Aktueller Trend sind auch Tätowierer aus dem Ausland, die sich für einen gewissen Zeitraum eine Wohnung über AirBnB mieten, Werbung auf Social Media schalten und ohne irgendwelche Vorschriften einzuhalten – von „Steuern zahlen“ reden wir an dieser Stelle noch gar nicht – mit Kampfpreisen sich die Kunden anlocken und nach kurzer Zeit wieder verschwinden.

Das wirkliche Problem des Tätowierens in Deutschland: Nicht ein Zertifikat – sondern die Masse an schwarzen Schafen

Die Tattooszene in Deutschland hat aktuell ein großes Problem: Unzählige Tattoostudios, unzählige Home-Studios, unzählige Tätowierer die ohne jegliche Kontrolle mit Kampfpreisen den Markt kaputt machen.

Die Selbstzerfleischung via Rabatt-Schlacht ist in vollem Gange. Etablierte Studios schließen, Tätowierer die große Namen haben stehen zum Teil ohne Arbeit da oder hören ganz mit dem Tattoo stechen auf.

Das sind die großen Probleme der Tatttooszene und die könnte man gut angehen, wenn man gemeinsam einen Standard schafft und für Sanktionen für diejenigen sorgt, die sich nicht an diesen Mindeststandard halten bzw. Illegal arbeiten.

So lange sich die Szene / Branche aber mit dümmlichen Kleinkriegen und Kampagnen beschäftigt, die – wenn man ehrlich ist – nicht im Ansatz einen ernstzunehmenden Prozentsatz von Tätowieren interessieren – steht es wirklich schlecht um die Zukunft des Tätowierens in Deutschland.

Auch ganz ohne Zertifikate.