Kurzzusammenfassung: Tattoomessen sind sehr anstrengend, kosten sehr viel Zeit, werden immer teurer und bringen uns dabei immer weniger – und das was sie uns dabei – auch an Spaß – bringen, wird uns immer mehr durch unzuverlässige Kundschaft vermiest.

Lange Version:

Das ist mal wieder einer der ausführlicheren Texte, der wenig bringen wird außer dass ich mir mal wieder etwas Luft verschafft habe und vielleicht der eine oder andere versteht, warum wir immer weniger präsent sind – und warum es bei Tattoos auch keine günstigen „Messepreise“ gibt, wie man es vielleicht von anderen Messen kennt:

Eine Tattoomesse vernünftig zu planen und durchzuführen ist seit jeher eine zeitaufwändige & kostenintensive Geschichte, die ich euch an dieser Stelle gerne etwas näher erläutern möchte.

Kostenfaktor: Der Messestand selbst darf je Tätowierer mit rund 400,- bis 500,- Euro veranschlagt werden, dazu kommt selbstverständlich das Hotel, welches in halbwegs erreichbarer Nähe zur Messe im Durchschnitt mit 70,- Euro je Person und Nacht berechnet werden darf. Steht eine weiter entfernte Messe an, wo man den bereits am Tag vor der Messe An- und am Tag danach Abreist, kommt hier ganz schnell noch einmal der gleiche Preis zusammen wie für den Messestand, mit der Verpflegung sowieso…. die Kosten für Bahn- oder Flugticket oder auch das Auto (…und auch da kostet die Fahrt mehr als nur das Benzin…) können wir an dieser Stelle auch nicht unterschlagen – grob gesagt: ´ne weiter entfernte Messe kostet pro Tätowierer ungefähr ´nen Tausender – mal etwas weniger, aber auch durchaus mal etwas mehr.

Zeitfaktor: Die Buchung vom Messestand, Hotel & Reisemittel lassen wir mal eben außer acht, das spielt bei den Messen im Inland keine große Rolle und der Stephan Tempel hat ja sonst eh nix zu tun – deutlich Zeitintensiver sind da schon das Ein- und Auspacken vom Equipment sowie die An- und Abreise. Wenn man je Messe zwei Tage dafür veranschlägt ist man schon im unteren Bereich. Auch das sind Arbeitstage, an denen wir eigentlich tätowieren und Geld verdienen könnten.

Werbefaktor: Der Werbefaktor wird immer geringer: Noch vor ein paar Jahren ist man ausschließlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda, Auszeichnungen auf Tattoomessen, Berichte in Tätowiermagazinen etc. bekannt geworden – doch das wird immer weniger: Mit einem dreißig-sekündigen Video auf Instagram und Facebook erreichen wir heute mehr Menschen, als wenn wir fünf Tage auf einer Messe unterwegs sind – und wir haben auch den Eindruck, dass es die Menschen immer weniger interessiert, wer auf welchen Tattooconventions wieviele Preise gewonnen hat (was ja nicht schlecht ist – ihr sollt ja wegen der Qualität der Arbeit kommen und nicht wegen den Preisen)… noch dazu hat die Anzahl der Messen inflationär zugenommen, was bedeutet dass die Besucherzahlen bei vielen Messen trotz des Tattoobooms rückläufig geworden sind, weil sich die Menschen einfach auf die vielen Messsen verteilen, oder aber halt auch im Internet oder seit neuestem sogar im Fernsehen über „ihren“ Wunschtätowierer informieren können.

Bei uns kommt noch hinzu, dass wir ohnehin sehr stark frequentiert/gebucht sind und die Kombination aus Wartezeiten & Entfernung uns nicht wirklich viele Kunden für das Geschäft in München bringt.

…jetzt bleibt natürlich die Frage „wenn das alles immer weniger bring und immer teurer wird – warum fahrt ihr dann überhaupt noch und warum jammerst du hier so elendig rum?“:

Ganz einfach: weil wir irgendwie immer noch Oldschool sind und Tattoomessen für uns einfach dazu gehören, auch wenn es nicht unbedingt immer finanziell sinnvoll ist…. aber die Atmosphäre macht oftmals Spaß, man lernt andere Tätowierer kennen die dann auf Guestspots kommen und irgendwie schauen die Preise im Studio ja auch schick aus und sind eine Bestätigung unserer Arbeit…

….ja, aber warum fängt der Stephan dann nach über hundert Tattoomessen das jammern an?

Weil sich die letzten Jahre eines ganz klar negativ entwickelt hat: die Unzuverlässigkeit der Kunden: Terminabsprachen wo dann die Anzahlung ausbleibt und man vom Kunden nichts mehr hört, dafür auf Facebook auf einmal geblockt wird, Last-Minute-Cancellations wegen Krankheit, Tod (wir müssen eine verdammt schlechtes Aura haben, so viele Verwandte von Kunden wie in letzter Zeit in letzter Minute sterben…) oder Kunden die am Termintag einfach nicht erscheinen…. das ist die letzten Messen eher die Regel als die Ausnahme geworden – und wenn man sich auf den Messen so umschaut oder umhört oder auf Facebook liest, dann geht das sehr vielen sehr guten & Weltklassetätowierern reihum so…

…und es ist verdammt frustrierend, an einem Samstag hunderte Kilometer von daheim entfernt in einer Messehalle zu stehen, zu wissen dass daheim Dutzende auf einen Termin bei Dir warten würden, es mehr als genug Arbeit gibt die Du aber an dieser Stelle nicht erledigen kannst… und auf Deiner Couch wäre es eigentlich auch ganz schön…

Wenn ihr euch also schon immer gefragt hab, warum die Templer auf immer weniger Messen fahren und warum sie zum Teil bis ans andere Ende der Welt ihre eigenen Kunden mitnehmen: das ist der Grund.

Schönen Tag – man sieht sich am Wochenende in Berlin.. darf sehr gerne geteilt werden!

PS: Dieser kurze Artikel ist kurz nach der dritten Terminabsage bzw. dem „nicht mehr melden“ für die Tattooconvention Berlin 2016 geschrieben worden, aber auch in 2019 noch gültig.

Stephan Tempel