Tattoo A-Z

Tattooconventions / Tattoomessen

T

Tattooconventions, ihre Geschichte - und Die Situation in der Gegenwart.


Tattoomessen - Von der Subkultur zum Massenphänomen


Tattoos gehören heute längst zur Mitte der Gesellschaft. Was früher als rebellisch, exotisch oder randständig galt, gilt heute (zumindest in den meisten Gesellschaftsschichten) als Ausdruck von Persönlichkeit, Stil und Individualität.

Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an dieser Entwicklung hatten neben Musikern (egal ob Metal, Hip-Hop oder Rock) und Fußballspielern / Sportstars auch Tattooconventions, auch bekannt als Tattooomessen.

Das sind Veranstaltungen, auf denen sich Tätowierer, Sammler, Fans und Neugierige treffen.

Sie waren über Jahrzehnte Motor der Szene, Trendbarometer und Treffpunkt einer weltweiten Kultur.

Die Geschichte der Tattooconventions ist eng mit der gesellschaftlichen Entwicklung des Tätowierens verbunden: vom rauen Nischenmilieu über künstlerische Anerkennung bis hin zum professionellen Lifestyle-Event.


Die Anfänge weltweit: USA als Ursprung moderner Conventions

Die moderne Form der Tattooconvention entstand in den 1970er Jahren in den USA. Zwar gab es schon früher Treffen von Tätowierern und Sammlern, doch als erste größere, öffentlich zugängliche Veranstaltung gilt meist die Houston Tattoo Convention 1976, organisiert von Lyle Tuttle und Dave Yurkew.

Damals war Tätowieren noch stark verbunden mit:

  • Seeleuten
  • Bikern
  • Militär
  • Schaustellern
  • Rockabilly- und Underground-Kultur

Die ersten Conventions waren weniger Messe als Szene-Treffen. Tätowierer reisten mit Maschinen, Farben und Flash-Vorlagen an, arbeiteten vor Ort und tauschten Wissen aus. Für viele Artists war das die einzige Möglichkeit, (internationale) Kollegen kennenzulernen.


Die 1980er: Professionalisierung und internationale Vernetzung

In den 1980er Jahren wuchs die Szene stark. Neue Tattoo- Stilrichtungen entstanden.

Die Tattoo-Conventions wurden größer und professioneller. In Städten wie Las Vegas, Los Angeles oder London traf sich die Elite der Szene.

Ein zentrales Element der Messen entstand in dieser Zeit: Tattoo Contests.

Kategorien wie „Best Black & Grey“, „Best Sleeve“ oder „Best of Show“ machten Conventions zunehmend zu Wettbewerbsplattformen. Viele Star-Tätowierer bauten ihren Ruf – natürlich neben ihrer hervorragenden Arbeit - über Convention-Auszeichnungen auf. Das sollte einige Jahrzehnte so anhalten.


Die 1990er: Europa entdeckt die Tattoo-Kultur

In den 1990er Jahren explodierte das Interesse in Europa. Tattoos wurden sichtbarer – durch Musik, MTV, Sportler und Popkultur. Parallel entstanden zahlreiche große Conventions zumindest in den großen Städten.

Die Veranstaltungen zogen nun nicht mehr nur Hardcore-Fans an, sondern auch ein neugieriges Publikum. Wer sich tätowieren lassen wollte, konnte internationale Künstler live erleben – lange bevor es das Internet und insbesondere Social Media /Facebook / Instagram & Tiktok gab.


Die Geschichte der Tattooconventions in Deutschland

Frühe Jahre: Szene, Rock’n’Roll und Rebellion

Deutschland entwickelte schon früh eine aktive Tattoo-Szene. In den 1980er und frühen 1990er Jahren waren Tätowierer fast immer Einzelkämpfer. Studios waren selten, Qualitätsunterschiede groß, Wissen schwer zugänglich.

Nur als Beispiel genannt: Als ich Anfang der 90er Jahre begann mich für Tätowierungen zu interessieren, gab es in München gerade einmal eine Hand voll Studios. Und in jedem dieser Studios saß genau ein Tätowierer. Wer eine Tattoo-Zeitung erwerben wollte, musste das bei der „Internationalen Presse“ am Hauptbahnhof machen. Dort gab es wenige Exemplare aus Amerika, für teures Geld und oftmals eingeschweißt. Die wenigen Farb-Seiten waren das Highlight… ich schweife ab.

Conventions waren auf jeden Fall enorm wichtig.

Zu den frühen bekannten Veranstaltungen zählten Events in:

  • Berlin
  • Frankfurt am Main
  • Hamburg
  • München

In München fand die erste Tattooconvention z.B. im Mathäser (Bierkeller) statt. Später zog sie ins Colosseum – die spätere Tonhalle. Mehr dazu in der Geschichte der Tattoos in München.


Die 2000er: Boomjahre in Deutschland

Mit wachsender gesellschaftlicher Akzeptanz erlebten Tattooconventions in Deutschland einen massiven Aufschwung. Fast jede größere Stadt bekam ihre eigene Convention.

Die Mischung wurde breiter:

  • Live-Tätowierungen
  • Händlerstände
  • Schmuck & Piercing
  • Clothing Brands
  • Shows und Musik
  • Miss Tattoo Wettbewerbe
  • Tattoo Contests

Für viele Studios waren Conventions der wichtigste Marketingkanal neben Mundpropaganda. Inzwischen gab es nämlich mehr Tätowiermagazine, darunter auch ein deutschsprachiges, produziert für Deutschland.

Die Rechnung war ganz einfach: Auf den großen Tattoomessen waren die Reporter und Fotografen der Tätowiermagazine. Wer also auf der Messe spektakuläre Arbeiten zeigte oder gar einen Preis gewann, hatte gute Chancen im Tätowiermagazin zu landen.

Das war damals die einzige Möglichkeit, Schlagartig bei tausenden Tattoofans sowie allen Kollegen bekannt zu werden. Und sich so einen vollen Terminkalender zu sichern.


Die goldene Zeit: 2005–2018

Ungefähr die Zeit zwischen 2005 und 2018 bezeichnen viele Rückwirkend als Höhepunkt der Tattooconventions:Es gab in vielen größeren Städten Tattooconventions, aber noch nicht in jedem Dorf. Heutzutage (2026) gibt es mehrere hundert Tattooconventions alleine in Deutschland. Doch dazu später mehr.

Awards auf großen Conventions hatten echten Marktwert. Ein mehrfach ausgezeichnetes Studio konnte damit Kundenvertrauen, Pressewirkung und höhere Sichtbarkeit erzeugen.


Wandel durch Social Media – und durch den Boom

Dann veränderte vor allem Instagram (Social Media) die Szene radikal. Tätowierer mussten nicht mehr auf Tattooconventions fahren und auf Artikel in Tätowiermagazinen hoffen (das deutschsprachige Tätowiermagazin gibt es inzwischen übrigens nicht mehr). Plötzlich hatte jeder via Smartphone Zugriff auf Arbeiten von Tätowieren aus aller Welt.

Gleichzeitig schossen die Tattooconventions wie die Pilze aus dem Boden. Beschränkte es sich Jahre zuvor noch auf die Großstädte, so gab es auf einmal auch in vielen Dörfern Tattoomessen. Oder zumindest etwas, was als solche angekündigt wurde. Durch hunderte Messen gab es auf einmal auch hunderte Contests mit tausenden Gewinnern.

Dadurch waren (zumindest viele) Awards auf einmal nichts wirklich besonderes mehr. Gebildet haben sich zwei Extreme: Tätowierer, die gar nicht mehr auf Tattoomessen fahren, sondern ihre Kundschaft über Social Media generieren. Zum Teil mit unzähligen Reels, Comedys und Erklärvideos.

Auf der anderen Seite reisen viele Tätowierer zu möglichst klangvollen Tattoomessen rund um den Erdball, machen aufwändige Projekte und haben teilweise ein ganzes Film-/Social Media Team mit dabei, um jeden Schritt auch perfekt zu vermarkten.

Heute: Der Reinigungsprozess ist in vollem Gange

Inzwischen ist die Anzahl an Messen eher wieder rückläufig. Neue, starke Veranstaltungen sind auf die Bühne getreten, von den Dorf-Messen haben sich einige schon wieder verabschiedet. Allerdings sind auch einige Hochkaräter leider von der Bildfläche verschwunden. Beispielhaft sei hier die Tattoo Expo Zwickau von Randy Engelhard genannt.

Hatten wir hier schon immer starke Messen (Beispielhaft sind hier Berlin, Frankfurt und München genannt), so ist 2023 noch eine besonders starke Messe erschaffen worden:

Die „Gods of Ink“ in Frankfurt. Sie fand inzwischen viermal statt, wurde viermal von mir besucht und bringt viele der Weltbesten Tätowierer einmal im Jahr nach Deutschland.

Das Ganze mit einem Auftritt und gigantischen Ständen die niemand für möglich gehalten hätte, der vor zwanzig oder dreißig Jahren das erste Mal eine Tattooconvention besucht hat.


Warum Tattooconventions weiterhin wichtig sind

Trotz Social Media haben Conventions Vorteile, die digital einfach nicht ersetzbar sind:

1. Vertrauen live erleben

Man sieht Tätowierer live arbeiten und wie sie sind wenn keine Kamera auf sie gerichtet ist: Hygiene, Auftreten und Ergebnisse – ungeschnitten und ohne Filter.

2. Networking

Tätowierer und Studios knüpfen Kontakte zu Kollegen, Guest Artists, Lieferanten, möglichen Sponsoren und Veranstaltern.

3. Markenaufbau

Awards und Präsenz stärken den Bekanntheitsgrad – nicht mehr so wie früher, aber immer noch wichtig.

4. Kundengewinnung

Tausende „likes“ auf Instagram mögen sich gut anfühlen. Mir ist eine Messe von der ich fünf Projekte in unser Tattoostudio nach München ziehe aber wichtiger – denn likes zahlen keine Miete.

5. Szenegefühl

Tattoo-Kultur lebt vom persönlichen Austausch. Alleine schon dafür sind Tattooconventions unverzichtbar.


Fazit

Die Geschichte der Tattooconventions ist die Geschichte des Tätowierens selbst: vom Außenseiterphänomen zur anerkannten Kunstform.

Gerade in Deutschland haben Conventions entscheidend dazu beigetragen, Qualitätsstandards zu heben, Künstler international zu vernetzen und Tattoos gesellschaftsfähig zu machen.

Auch wenn Instagram vieles verändert hat: Eine starke Tattooconvention bleibt etwas, das kein Feed ersetzen kann – echte Kunst, echte Menschen, echte Szene.